A River Sutra

Vor etwa 20 Jahren las ich das Buch “A River Sutra” von Gita Mehta (https://en.wikipedia.org/wiki/A_River_Sutra). Die Narmada spielt darin eine wichtige Rolle, und die spirituelle Dimension der Geschichten hat mich damals überraschend glücklich gemacht. Und den Wunsch verankert, die Narmada besser kennenzulernen.

Die Narmada ist heilig. Und weiblich, obwohl Fluss im Deutschen maskulin ist. Und der größte Fluss Indiens, der von Ost nach West fließt. Über etwa 1300 km. Wer als echter Pilger das Maximum aus der Narmada herausholen will, wandert die Strecke einmal hin und zurück. Vorgabe: 3 Jahre, 3 Monate und 13 Tage soll es dauern. Nicht mehr und nicht weniger. Und ohne den Fluß auch nur einmal zu queren. (Ob man bei Unpünktlichkeit nochmal rum muss, weiß ich nicht).

Als Teilzeitpilger kann man ein verkürztes Programm machen. Zu dem gehört aus meiner Sicht ein Besuch der Quelle der Narmada. Die befindet sich in Amarkantak im Südosten von Madhya Pradesh, in schön bewaldeten Hügeln. Der kleine Ort hat 10.000 Einwohner, ein Dutzend Ashrams, geschätzt 100 Tempel, und ist komplett vegetarisch. Wer Fleischlust verspürt, fährt aus dem Ort hinaus und macht eine “Murg Party”, Murg ist Hühnchen. Alle anderen geniessen Wald, Wasser und Tempelwellness.

Zentrum der Narmada Verehrung ist eine wunderschöne Tempelanlage rund um die gefasste Quelle. Hier wird vor allem die Flußgöttin Maa Narmada verehrt. Ein kontinuierlicher Strom von gut gelaunten Pilgern kommt in die Anlage, verrichtet seine Rituale und hat ansonsten Spaß. Für die Menschen gehen Andacht und Ausgelassenheit wunderbar zusammen. Im Angesicht einer Gottheit darf man auch laut sein, drängeln und sein Smartfon einsetzen. Hauptsache die Rituale werden eingehalten. Was hier zum Beispiel bedeutet, seine Füße nicht im heiligen Wasser zu waschen. Bei der Narmada reicht es, das Wasser zu sehen, damit ist man bereits gesegnet. Es kommt aufs Detail an.

In 2025 sind 48% der indischen Touristen aus religiösen Gründen verreist, 22% für Urlaub und Erholung. Diese Kategorien werden in Amarkantak und an der Narmada sehr gut bedient. Denn neben den vielen Tempeln, Andachten, Besinnlichkeiten kann man den Fluss auch als Naturperle erleben. Er entspringt hier in den Bergen und stürzt dann ins Tal, um seine Reise zunächst nach Norden und langfristig nach Westen anzutreten. So ein Sturz ins Tal ist natürlich prächtig und bietet sowohl unzählige Fotogelegenheiten als auch Platz für weitere Tempel und Sadhus (heilige Männer) und Gelegenheit für indische Snacks am Wegesrand. Denn vermutlich 75% der indischen Touristen reisen auch um zu essen.

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Der Fluss fliesst auf den ersten Flusskilometern teilweise durch enge Schluchten, bevor er sich hinter Jabalpur in die weite Ebene begibt. In Jabalpur haben wir die Klippen und Wasserfälle besucht. Jetzt im Monsun ist der Fluß sehr voll, kraftvoll und schlammig. Ich habe mich erinnert an meine erste Begegnung mit der Narmada in 1991 in Maheshwar, viele hundert Kilometer flussabwärts. Es war auch im Monsun, ich habe geschwitzt wie blöde und sah diesen mächtigen Fluß mit seinem Versprechen auf Erfrischung. Also bin ich an einem Ghat eingestiegen. Nur um im brühwarmen, schlammigen Wasser sofort abgetrieben zu werden.

Im nächsten Jahr (1992) beschäftigte mich ein umkämpftes Staudammprojekt am Unterlauf der Narmada, der Sardar Sarovar. Es mussten bis zu 200.000 Menschen umgesiedelt werden. Dafür, dass mehrere Millionen Menschen Trinkwasser, Bewässerung und Strom bekamen. Ich befand mich natürlich auf Seiten der Betroffenen, und habe meinen Professor in Surat verrückt gemacht mit meiner Kritik. Und einer halbsbrecherischen Theorie aus der Thermodynamik, nach der das Projekt zunehmende Entropie in Indien erzeugt und damit langfristig scheitern muss. Ich war noch jung…

Heute bin ich nicht mehr jung. Unser Guide in einer Gegend namens Kawardha wollte uns schmeicheln und schätzte Carla und mich auf 70-75 Jahre “and very fit”. Er war völlig überfordert mit uns Kaukasiern. Seine Arbeit als Guide fokussierte sich darauf, uns zu verschiedenen Menschen zu führen, meistens aus seiner erweiterten Familie und Freundeskreis, und dann Fotos zu machen. Davon haben wir eine kleine Sammlung angelegt. Hier mein Lieblingsbild von einer Polizeistation:

Ein zweites menschliches Erlebnis war unser Fahrer Raja, der zwar kein Englisch konnte, sich aber mit allem was er hatte um uns gekümmert hat, uns die Routenführung mit Google Maps überliess und mit ChatGPT verfremdete Bilder von uns erstellt hat. Er war ausserdem leicht besorgt, wenn wir zu weit in den “Jungle” gehen wollten. Alles was mehr als ein paar Bäume hat und nicht gemäht wird, ist ein Dschungel.

Eine River Sutra ist eigentlich eine Sammlung von Aphorismen über den Fluss. Unsere Sutra ist eine Sammlung von Eindrücken, Geschichten und Gefühlen. Es sind unglaublich viele in den acht Tagen zusammen gekommen, die wir unterwegs waren. Wir sind Indien sehr nah gekommen, wie man das als Ausländer möglicherweise kann. Die Menschen haben uns mitmachen lassen, aber wir waren auch die interessanten Fremden. Die ihren Gefährten bisweilen das Leben bereichert haben. So standen wir zum Beispiel mit unserem Guide (siehe oben) im strömenden Regen unter einem Regenschirm, und er war völlig aus dem Häuschen, weil er das noch nie in seinem Leben gemacht hatte.

So haben wir alle etwas vom Reisen.

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