Eigentlich wollte ich ja an diesem Wochenende eine kleine Ergänzung zur Durga Puja in Kolkata schreiben – nämlich eine weibliche Perspektive: dass es schon erstaunlich ist, dass es hier in Indien eine nicht unerhebliche Zahl an starken weiblichen Göttinnen gibt, die sehr verehrt und angebetet werden (siehe auch Peters Narmada blog).
Und das in einem Land, welches beim Global Gender Gap auf Platz 131 von 145 Ländern steht. Dies ist ein hundsmiserabler Wert und deutlich schlechter als zum Beispiel Bangladesch (Platz 79). Indien ist ein Land, wo es als Unglück gesehen wird, ein Mädchen zu bekommen, Frauen wenig respektiert und häufig diskriminiert werden und wo sie viel, häufig unerträgliche Gewalt erfahren müssen. Und in diesem Land wird die Göttin Durga gefeiert und angebetet. Sie wird dabei nicht verehrt, weil sie einen männlichen Gott zur Existenz verholfen oder diesem gedient hat, sondern weil sie mit so vielen Waffen ausgestattet wurde, dass sie stärker und kraftvoller als alle anderen männlichen Götter ist und sie die Arbeit erledigen musste, die diese nicht geschafft haben. Soweit ich weiss, gibt es das in anderen Religionen nicht. Und hier gibt es sogar ein spezielles Sanskrit-Wort für diese weibliche Kraft – Shakti!

Aber ehe ich dazu gekommen bin, dies weiter zu recherchieren und im Detail zu formulieren, ist mir beim Frühstück ein Backzahn zerbrochen. Und damit hatte ich ein anderes Erlebnis der eigenen Art hier in Indien, das auch ein bisschen was von Shakti hatte.
Der Zahn zerbrach, meine Nerven auch. Ein Anruf bei der Zahnärztin unseres Vertrauens genügte und ich hatte eine Stunde später einen Termin. Die kleine Praxis hier in South Delhi arbeitet auch samstags und sie haben mich kurzerhand dazwischen geschoben. Die Diagnose war schnell gestellt: der Zahn muss raus. Und schon machte sich die Zahnärztin und ihr Team an die Arbeit. Sie mit dem Ausstemmen des Zahns, unterstützt von ihren 5 männlichen Gehilfen, einer zuständig für das Festhalten meines Kopfes beim Stemmen, einer für das Absaugen, einer für das Geraete-Anreichen und einer für das Röntgen. Was der letzte gemacht hat, habe ich nicht mitbekommen. Nach 1,5 Stunden Schwerstarbeit war der Zahn zwar weiter zerbröselt, aber immer noch nicht draussen.
Und so wurde ich flugs zu einem Neurochirugen gebracht, eigenhändig gefahren und liebevoll umsorgt von der Zahnärztin und einer weiteren Assistentin. Auch der Neurochirug hatte eine volle Praxis am Samstag und hat mich ebenfalls flugs dazwischen geschoben. Nach einer halben Stunde war dann alles geschafft, alle hartnäckigen Zahnwurzeln durch OP entfernt und ich wieder zurück in der Zahnarztpraxis. Ausgestattet mit detaillierten Hinweisen, wann ich welches Eis zu essen habe und der privaten Telefonnummer der Zahnärztin haben sie mir dann auch noch einen Uber bestellt und mich zum Auto begleitet. Und schon war ich wieder auf dem Rückweg nach Hause, keine 2,5 Stunden später und mit einem Zahn weniger (das Angebot, dass ich die Zahnreste mitnehmen könne, habe ich dankend abgelehnt). Kaum dort angekommen, kam auch schon der Anruf der Zahnaerztin, ob alles ok sei. Was für eine Rundum-Betreuung!
Wer jetzt innerlich gedacht hat, dass dies wohl ein echter Luxusschuppen an Zahnarztpraxis war, den muss ich leider enttäuschen. Es ist eine sehr gute, aber keine irrsinnig ueberteuerte Privatpraxis, untergebracht in einer Wohnung mit relativ begrenzten Platz. Die Ausstattung und auch die Deko haben sich in den letzten 13 Jahren nicht geändert. Es ist mir natürlich bewusst, dass dies dennoch immer noch eine Privatpraxis und damit privilegiert ist und dass es im oeffentlichen Gesundheitssystem hier in Indien eine ganz andere Geschichte gewesen wäre. Da muss die ganze Familie mit anrücken, wenn ein Verwandter das Unglück hat, krank zu werden und um jede Behandlung betteln. Und die Patienten werden von den Familien mit Essen versorgt, da das die Kliniken selbst nicht schaffen. Da ist man weit von einer Rundum-Versorgung entfernt.
Ich jedenfalls bin wirklich dankbar, dass dieser Zahn hier in Delhi den Geist aufgegeben hat. So liebevoll umtüdelt und gleichzeitig effizient behandelt wurde ich noch nie beim Zahnarzt. Und das auch noch an einem Samstag. Shakti eben.

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