Letztes Wochenende war ich mit einer Gruppe meiner Kunstschule in Ayodhya zu einem Artist Residence Camp. Der Indienkenner hält bei dem Namen “Ayodhya” erst einmal die Luft an. Es gibt kaum eine andere indische Stadt, die so mythologisch überhöht, aber auch so politisch belastet ist.
Für Hindus gilt die 9000 Jahre alte Stadt Ayodhya als der überlieferte Geburtsort von Lord Rama, der siebenten Inkarnation des Gottes Vishnu. Sie ist damit eine der sieben heiligen Städte Indiens. Nach der mythischen Erzählung Ramayana siegte Lord Rama in Lanka über den Dämonen Ravana, der seine Frau Sita geraubt hatte. Die freudige Rückkehr Rams mit Sita wurde von den Bewohnern Ayodhyas mit unzähligen Öllampen gefeiert – ein Ereignis, das als Ursprung des heutigen Lichterfests Diwali gilt (von der Bedeutung her ungefähr gleichzusetzen wie bei uns Weihnachten). Danach soll Ram die Stadt für Tausende von Jahren regiert haben. Diese Ära, das sogenannte Ram Rajya, gilt in der indischen Mythologie als goldenes Zeitalter von Gerechtigkeit, Wohlstand und Frieden.
Und so ist diese alte Stadt voller hinduistischer Tempel, Ghats für rituelle Bäder im Fluss (einem Zufluss des Ganges), Ashrams, wo junge Priester in den Veden ausgebildet werden und Daramshalas, einfache Unterkünften für die Mengen an Pilgern. Überall hört man Gesänge mit dem Mantra Sita – Ram. Ausserdem wird die Stadt selbst für indische Maßstäbe von ungewöhnlich vielen Affen bevölkert. Das hat auch seinen mythischen Hintergrund, spielt doch der Affengott Hanuman eine zentrale Rolle in der Ramayana .

Fuer Moslems hat die Stadt einen weniger erfreulichen Beiklang, steht sie doch für die Zerstörung der Babri Masjid. Diese Moschee war im 16. Jahrhundert vom ersten Mogulkaiser Babur errichtet worden und stand unglücklicherweise auf dem angenommenen Geburtsort von Lord Ram. Hinduistische Gruppen behaupteten, dass ein zuvor an dieser Stelle existierender Tempel für den Bau der Moschee zerstört worden sei. Dies führte zu dauerhaften Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften sowie zu Rechtsstreitigkeiten, die bereits im 19. Jahrhundert begannen. Am 6. Dezember 1992 stürmte dann eine große Menge hindu-nationalistischer Fanatiker das Moscheegebäude, riss es nieder und löschte es damit buchstäblich aus. Der Abriss löste in ganz Indien schwere interreligiöse Unruhen aus, bei denen mehr als tausend Menschen – überwiegend Muslime – ums Leben kamen.
2019 sprach dann der Oberste Gerichtshof Indiens das umstrittene Gelände der hinduistischen Gemeinschaft für den Bau eines Tempels zu. Immerhin ordnete das Gericht auch an, dass ein separates, Grundstück für den Bau einer neuen Moschee bereitgestellt wird. An der ursprünglichen Stelle wurde ein neuer Ram-Tempel errichtet und 2024 geweiht, ein Prestigeobjekt der BJP-Regierung Modi, politisch überhöht und auch von dem einen oder anderen Korruptionsskandal überschattet.
Dass dies kein normaler Tempel ist, ist bei einem Besuch sofort augenscheinlich. Vor dem Besuch muss man sich registrieren, vor dem Betreten müssen alle elektronischen Geräte, Cremes und Make-up abgegeben werden. Man durchläuft insgesamt 8 (!) Sicherheits- Check-points auf dem Weg in den Tempel. So ganz scheint man dem “Frieden” wohl nicht zu trauen. Ich selbst fand die Tempel ein bisschen zu gross und zu pompös, hochwertig gebaut, aber letztendlich zu neu, zu künstlich und zu geschichtlich problematisch, um mich wirklich anzusprechen.
Und für mich steht die Stadt Ayodhya ab jetzt auch für mein erstes Artists Residence Camp. Nach einer 15stündigen (!) Fahrt über Nacht in einem Kleinbus sind wir leicht durchgequirlt dort angekommen. Das Camp mit seinen 70 Teilnehmern aus ganz Indien fand in einem der Daramshalas statt. Hauptsprache war Hindi, so dass ich meistens halb mitbekommen habe, worum es geht und was die Leute mir erzählt haben.

Ich hatte eigentlich erwartet, dass artist residence camp heisst, dass alle zunächst die Stadt mit ihren Tempeln und ihrer Geschichte auf sich wirken lässt, sich darüber mit den Kollegen austauschen und dann in den Bildern diese Erkenntnisse individuell umsetzen. Dem war nicht so. Die meisten Teilnehmer (sogenannte aspiring artists) und auch die eingeladenen Gastkünstler (also professionelle Künstler) waren schon mit einer klaren Vorstellung angekommen, wie ihre Bilder auszusehen haben. Da das Thema “Ram ist Jedermann” war, war es sowieso religiös normiert. Es gibt hier in Indien eine gesetzte Bildsprache, wie und mit welchen Attributen Ram, Sita und Hanuman gemalt werden müssen und daran haben sich auch alle gehalten. Ich hatte für mich entschieden, kein Bild von Sita, Ram oder Hanuman zu malen, sondern mich an einer Kuh zu versuchen. Das erschien mir neutral genug und mit weniger potentiellen spirituellen Fettnäpfen versehen.

Und so sass ich dann da und malte in einer grossen Halle zusammen mit anderen Malern an meiner Kuh. Dauernd schauten mir Schaulustige von der Strasse über die Schulter und verwickelten mich in die immer gleiche Diskussion: Ahh, ein Pferd! Nein, eine Kuh! Kann nicht sein, das ist ein Pferd! Irgendwas schien also aus indischer Sicht mit meiner Kuhskizze fundamental nicht in Ordnung zu sein. Später wurde die Kuh dann als Kuh gesehen, aber auf gar keinen Fall als eine indische Kuh. Wir haben uns dann meistens darauf geeinigt, dass es eine deutsche Kuh sei und damit einfach anders aussieht. Alle waren mit dieser Lesart zufrieden und fanden meine Kuh dann auch ganz reizend. Die Kuh ist ja auch ein mythologisch bedeutsames Tier und bekommt per se viel Bewunderung in Indien. Und so wurde ich mit der Zeit bekannt wie ein bunter Hund, nicht nur als die Westlerin mit den holprigen Hindi-Kenntnissen, sondern als Erschafferin dieser etwas seltsamen Kuh.

Das ganze Camp war herzlich, indisch-chaotisch organisiert, sozusagen konträr zur langfristigen Planungslust der Deutschen. So wurde die Einladung erst eine Woche vorher verschickt, der Tag der Rückkehr erst vor Ort entschieden. Es gab nie einen Veranstaltungsplan, nie einen Zeitplan. Wir wussten nur, dass die Eröffnungsveranstaltung 1 Uhr stattfinden sollte – sie startete dann um 3 Uhr. Dafür wurde die Schussveranstaltung mit der Verkündigung der Gewinner des Malwettbewerbs zu einer Uhrzeit gemacht, die vorher niemanden kommuniziert wurde, jedenfalls nicht unserer Gruppe. Unglücklicherweise waren wir da unwissend unterwegs im Ram-Tempel und als wir zurückkamen, war für uns völlig überraschend das Artist camp schon vorbei, die Gewinner bekannt und die Lobeshymnen gesungen. Und die Gesichter meiner Mitstudenten verständlicherweise lang. Sie hatten die Nacht vorher extra durchgemalt, um ihre Bilder noch für den Wettbewerb fertig zu bekommen. Und jetzt hatten sie noch nicht einmal die Chance gehabt, ihre Bilder einzureichen. Ein bisschen Planung könnte hier und da schon helfen, sagte da meine kleine, besserwisserische deutsche Stimme im Kopf …
Und so haben wir nur ein Gruppenphoto vom Flur als Abschlussphoto, aber immerhin. Alle haben sich einigermassen wieder gefangen und den Abschluss des Artist Camp mit Maggi-Nudeln auf dem Zimmer gefeiert (ernsthaft!).

Und ich bin am nächsten Tag völlig geflasht mit meiner deutschen Kuh nach Delhi zurückgekehrt – was für ein Ort und was für ein Erlebnis!
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