Carla und ich haben seit 10 Tagen ein Fahrrad. Also jeder eines. Carla fährt einen indischen Klassiker, Stahlbau, solide, einfache Bremsen und mit einem handgeschmiedeten Korb am Lenker, der stolze 2 Euro gekostet hat. In einer rudimentären Fahrradwerkstatt wurde der letzte Schliff gesetzt, jetzt gleitet Carla damit zum Markt und zur Metro.

Mein Gefährt hat Scheibenbremsen und einen Stoßdämpfer vorne. Das zahlt sich auf dem hiesigen Pflaster aus. Da Beleuchtung hier zur Sonderausstattung gehört, habe ich ein elektrisches Licht dazu erworben, das mit einem Alarmknopf ausgestattet ist, der ein episch lautes Signal auslöst. So laut, dass ich mich mehr erschrecke als meine Verkehrspartner. Ich nutze ihn nicht. Auch nicht auf meinem Weg ins Büro.

Wenn ich morgens mit dem Fahrrad am Büro ankomme, ist das ein soziales Großereignis. Mein Fahrrad wird geparkt und abgeschlossen, ich sage zwei Fahrern, dem Supervisor, zwei Guards und dem Gärtner Good Morning, dann dem Rezeptionisten. Und dann bedankt sich die Gesichtserkennung mit ihrer Computerstimme (weiblich) dafür, dass ich in ihre Kamera geschaut habe (Thank you). Erfrischt tänzele ich in mein Büro. Wo mir unsere Servicekraft Seema die Zeitung und einen Kaffee bringt. Dann fühle ich mich ganz kolonial.
Der Weg mit dem Fahrrad ist nicht lang, 2.5 km nur. Und führt überwiegend durch Nebenstrassen. Ihr müsst mir keine Unfallversicherung zu Weihnachten schenken. Auf dem Weg gibt es nur ein Hindernis, die Querung der äusseren Ring Road. Die Taktik ist, sich langsam in den fliessenden Verkehr zu bewegen, der sich dann teilt wie das Rote Meer wenn ein Heiliger hindurch will. OK, das ist jetzt anmaßend. Aber ein passendes Bild für Indien.
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