Adoptiert von Kolkata

Eine Reise zur Durga Puja mit 45 Mio Menschen

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Eine Stadt auf den Beinen, eine Metropole von 20 Mio Menschen feiert tagelang die Ankunft und Abreise der Göttin Durga auf den Strassen und in 30.000 temporären Tempeln, den sogenannten Pandals. Es ist intensiv, es ist voll, es ist laut, eine Stadt lebt auf den Strassen. Da wollten wir dabei sein, beim Pandal hopping.

Kolkata, das früher als Calcutta berühmt war, kleidet sich dafür in potemkinsche Fassaden voller Werbung. Ein Festival der Werbung, eine Mischung aus Durga Idolatrie, Bollywood, Konsum und Glitter. Unternehmen und Marken ringen um sichtbaren Platz, die Hauptstrassen sind Werbegallerien, und auch Modi und der Ministerpräsident zeigen sich vielfältig. Natürlich ist Modi immer deutlich größer dargestellt.

Und die Menschen kleiden sich festlich in Kurtas und Sarees, denn es ist schliesslich ein religiöses Ereignis. So gut wie jede Strasse baut ihren eigenen Pandal, wo sich die Nachbarn treffen, feiern, essen und beten. Es gibt einen Schönheitswettbewerb, an dem 300-400 massive Bauten teilnehmen, mit eigenem Design und Themen. Und dazwischen reihen sich jede Menge Essensstände, Jahrmarktbuden und Werbepavillons der Sponsorunternehmen.

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Wir waren drei Tage dabei. Dank einiger Recherche von Carla hatten wir auch einen ungefähren Plan. Dessen Umsetzung uns dann stark erleichtert wurde durch die Menschen und unseren Freund Anirban. Wir wurden adoptiert, integriert, an die Hand genommen und immer wieder als Gäste der Stadt und der Nachbarschaften begrüßt. Am Samstag nimmt Anirban uns unter seine Fittiche und kauft uns eine Besichtigungstour für Sonntag früh (ihr habt noch nichts vor oder?) und nimmt uns mit seinem Auto an die Hand. Das ist total nett und herzlich. Am Schluss gehen wir bengalisch essen in einem traditionellen Restaurant im Peerless Hotel. Eine Hostess mit wunderschönen Durga Augen bringt uns zum Tisch. Edle Thali non-veg mit drei mal Fisch und einmal Mutton und viel Senf und Mishti Doi (gebackener gesüßter Joghurt) und überhaupt. Das ganze in schwerem Messinggeschirr. Und Anirban in schicker Kurta und Crocks. Ich auch Kurta. Und Carla Kurti.

Die Durga Geschichte ist natürlich unglaublich alt. Und wie so oft im Hinduismus geht es mal wieder um Leben und Tod, um Gut gegen Böse. Der Büffeldämon Mahishasura treibt sein Unwesen und droht, die guten Götter zu vernichten. Brahma, Shiva, Vishnu, Indra und alle anderen scheitern an ihm. Sie tun sich zusammen und erschaffen Durga, der jeder eine Kraft mitgibt. Deshalb hat Durga 10 Arme und ein erstaunliches Waffenarsenal. Sie kämpft neun Nächte gegen den Dämon und erledigt ihn schliesslich mit Shivas Dreizack.
Diese Geschichte wird angereichert durch Durgas Familie. Sie hat vier sehr berühmte Kinder (Lakshmi, Sarasvati, Ganesha und Kartikeya) und ist die Frau von Shiva. Mit dem lebt sie in den Bergen, und einmal im Jahr kommt sie nach Hause zur Familie. Das macht die Nummer zum Familienfest. Alle freuen sich wenn sie kommt, dann wird tagelang gefeiert, bis sie am fünften Tag wieder geht. Dann wird ihre Statue zusammen mit den Kinderstatuen im Ganges (oder wahlweise anderem Gewässer) aufgelöst. Bis zum nächsten Jahr.

Diese Legenden sind vielfältig und oft widersprüchlich. Das ist ähnlich wie in der griechischen Mythologie. Die Akteure tauchen hier und da auf, leben in unterschiedlichen Verhältnissen zueinander, und machen bisweilen auch verschiedene Dinge. So ist zum Beispiel die berühmte Geschichte von Ganesha die, dass er ein Sohn von Shiva und Parvati ist, der ihm in Wut den Kopf abschlägt und dann einen Elefantenkopf gibt. Aber das stört niemanden, ebenso wie der Fakt, dass die Durga Puja rein theologisch eigentlich im Frühjahr ist, in Ostindien aber im Herbst. Macht nichts, Hauptsache es sind sich in Kolkata alle einig.

Muhammat Ali Square

Am Montag wandeln wir so durch die Altstadt und kommen an einem Community Bogh vorbei, einem gemeinsamen Mittagessen. Wir werden sofort zur Teilnahme aufgefordert, bekommen einen Styroporteller in die Hand und essen dann zusammen mit der Nachbarschaft unser vegetarisches Mal. Dann wurde uns ein Durgaschal umgehängt, wir werden reichhaltig fotografiert und befragt und gingen dann unserer Wege. Am Abend stiegen wir gerade aus der Metro, da sprach uns ein junges Paar an, wo wir denn hin wollten. Es waren Ankit und Swati aus der Nachbarschaft, mit denen wir die nächsten drei Stunden verbrachten. Es war toll! Ankit ist in seiner Hood, nimmt einen Schleichweg nach dem anderen, kennt die besten Joints und heiratet Swati nächstes Jahr. Ausserdem ist er Lokführer und hat gehört, dass Deutschland welche braucht. Heute morgen schrieb er: You were guest in my city. So haben wir uns wirklich gefühlt, zu Gast bei Freunden.

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Das ist alles unglaublich nett. Aber auch anstrengend. Vor allem der stete Lärm macht einem auf Dauer zu schaffen. In den großen Pandals wird die Menschenmasse von Sicherheitspersonal permanent angetrieben, nur nicht stehen zu bleiben. Dafür kommen sehr laute Trillerpfeifen zum Einsatz, purer Stress. Wie wichtig das Crowd Management ist zeigt leider der Tod von 19 Besuchern in einer Pandal am Samstag Abend, wo das mal schief gegangen ist. Wir waren Durgaseidank woanders.

Unsere Insel der Erholung war ein komfortables Hotel in der Innenstadt. Wir haben es gebraucht und genossen. Und dort Kraft getankt für jeden weiteren Ausflug in die intensive Stadt.

Comments

One response to “Adoptiert von Kolkata”

  1. automaticinstantly945ad0c1f5 Avatar
    automaticinstantly945ad0c1f5

    sehr schöner Beitrag! Klingt nach einer super Erfahrung!

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